re:publica 2018

Bei einem ersten Besuch an der re:publica habe ich viel gelernt und erfahren, von den Talks, von den Veranstaltern und von den Teilnehmern. Was kann diese Konferenz, was kann sie nicht, warum sollte man gehen und was darf man erwarten?

Im folgenden, kurzen Rückblick erfahrt ihr meine Sicht auf die Veranstaltung, die nicht nur mich mit ihrer Strahlkraft beeindruckt hatte.

Horizonterweiterung statt Fachtiefe

Als Informatiker und Techniknerd bin ich Referate gewohnt, die meine Konzentration verlangen und mich intellektuell herausfordern. Dies gab es nur einmal so ansatzweise, bei "Kreatives Coding Spices Up Your Life" von Sabine Faller und Barbara Zoé Kiolbassa (beide ZKM). Sonst gab es vor allem: Horizonterweiterung. Was bewegt die (linke) Gesellschaft in Deutschland. Wie geht es dem Nicht-Techniker in dieser verwirrenden Welt von Algorithmen, Artificial Intelligence und Blockchain. 

Ob das nun ein Einführungsvortrag wie "Künstliche Intelligenz und die Zukunft des Marketing" von Sven Krüger (T-Systems) oder der auf die Regulierung fokussierte Talk "Algorithmen und Künstliche Intelligenz: Wegweiser für Politik und Gesellschaft" von Julia Krüger (Center for Internet & Human Rights) sind, beide richten sich an ein technikaffines, aber doch allgemeines Publikum. Dies ist nicht schlecht, erlaubt es mir doch, einen anderen Blickwinkel auf die mir vertraute Technik kennenzulernen und regt zum Nachdenken an.

Man merkt, dass es die Vortragenden selbst oft eher Anwender als Programmierer sind und dadurch die Technik sehr stark im Kontext ihrer Umwelt verstehen. Der Selbstzweck genügt dann eben nicht. Im Gegensatz zum Informatiker, der einfach ein Problem lösen will. Auch die Wirkung auf die Mitmenschen, die Gesellschaft und die Menschheit insgesamt sind Teil der Diskussion. Dadurch entstehen neue Vernetzungen, die sich im stillen Kämmerchen halt nicht ergeben.

Austausch als (Haupt-)Zweck

Ein besonderer Aspekt der re:publica fällt schon beim Hereingehen auf. Während bei anderen Konferenzen der meiste Raum (physisch und virtuell) den Talks und Workshops gehören, sind hier die Bereiche zum Netzwerken ins Zentrum gerückt. Zwei grosse Areale, um Kollegen und neue Bekanntschaften zu treffen, sind am Eingang und am Ende des Geländes positioniert. Dazwischen die Messehalle für die Sponsoren und die Stage 1 für die grossen Redner. Praktisch jeder Wechsel zwischen Veranstaltungen führt zwangsläufig durch diese Netzwerk-Bereiche und das ist natürlich Absicht.

Wenn denn schon die Talks so in die Breite gehen und sich um den Menschen drehen (wollen), dann braucht es genug Raum für diese Menschen und deren Connections. Die Themen aus den Vortragen werden fleissig nachdiskutiert, kritisch abgewogen und führen mitunter auch zu mittellauten Auseinandersetzungen (für wirklich lauten Austausch ist man generell zu gut drauf).

Mein Topbeispiel hierzu sind fünf oder gar sechs Stunden am Freitagnachmittag bis -nacht, bei dem es um die politische Beteiligung der Bevölkerung geht und wie technische Mittel diese unterstützen können. Ausgelöst wurde das ganze durch das Social Media Monitoring and how to build better Alternatives - Meetup. Sowas finde ich nicht an einer Fachkonferenz, wo nur Informatiker rumlaufen.

Verkaufsfaktor Spass

Gerade weil die Themen so umfassend sind und sich jeder mit viel Drive für seine Idee einsetzt, braucht es zwischendurch auch genug Abkühlung. Dazu nimmt man ein Bad im Bällepool oder gönnt sich auch schon früh mal ein Bier (die tatsächliche Uhrzeit bleibe mal unerwähnt). So erträgt man dann auch den einen oder anderen enttäuschenden Vortrag, der sich bei dieser grossen Masse ergeben muss. Der Spass- und Hipfaktor wird an der re:publica gross geschrieben. Zig VR-Experiences, Lego Serious Play und coole Aktionen der Standbetreiber sind nicht nur lehrreich sondern auch vergnüglich. Nicht zuletzt finden jeden Abend Parties statt, wo die Nimmermüden bis 04.00 Uhr morgens sich die Freude (oder Frust) von der Seele tanzen.

Besonders kommt die Freude natürlich mit Bekannten auf, die man immer wieder auf der Konferenz oder anderswo trifft. Die Schweizer "Delegation" macht dabei vorbildliche Arbeit, vom gemeinsamen Nachtessen bis zum Gruppenfoto im Bällebad. Hier darf man Barbara Schwede (@barbaraschwede) ein Kränzchen widmen, die sich auch den Neulingen wie mir annimmt. So fühl ich mich nicht ganz so grün hinter den Ohren wie die Bundeswehr (mehr Infos).

Konkreter Nutzen?

Bei der ganzen Euphorie und dem "offensivem Sozialliberalismus" (Pop und Anti-Pop – Wie das Internet uns lehrte zu kämpfen. Und wofür. von Sascha Lobo) kann man sich noch Fragen, wo denn der Nutzen für mich ist. Als Techniker, als Geschäftmann und als Bürger. Diese frage habe ich mir ziemlich oft gestellt und die drei Teilpersönlichkeiten streiten sich noch. Der Informatiker sieht eine Konferenz wie die Build Stuff und sehnt sich nach herausfordernden Talks und Workshops. Der Geschäftsmann sieht den Nutzen vom Austausch, aber fragt sich, ob's den nicht günstiger gibt. Der Bürger fragt: Und jetzt? Haben wir etwas erreicht für die Zukunft unserer Gesellschaft und der Menschheit?

Die Gesamtpersönlichkeit antwortet: Die re:publica hat dadurch schon viel erreicht, dass eben der Informatiker, der Geschäftsmann und der Bürger mal zusammenkommen und diese Fragen diskutieren. Dass man als Informatiker an einer Performance mitmacht und aus sich rausgeht. Dass man sich als Geschäftsmann mal einen Sascha Lobo oder eine Julia Krüger anhört. Dass man als Bürger sieht, welche Möglichkeiten (im positiven und im negativen) die Gesellschaft betreffen können. Und dass die drei sich dann streiten dürfen und können.

Dazu hat es dazu braucht es eben viel Platz. Nicht nur an der re:publica.

Geschrieben von Philippe von Bergen (@phvonbergen), CTO und Co-Owner der iqual GmbH